Stuttgarter Gruppe
oder Einkreisung einer Legende.


von Reinhard Döhl




Sogar schon im Lexikon
Die Stuttgarter Gruppe/Schule, um zunächst noch bei diesem Doppelbegriff zu bleiben, ist keine Fata morgana, wie man vermuten möchte, wenn man sich in Stuttgart nach ihr erkundigt und ohne Antwort bleibt. Sie hat es sogar schon zu spärlichen lexikalischen Verzeichnungen gebracht, zuletzt in dem 1996 erschienenen 3bändigen "Fischer Lexikon Literatur" in der Abteilung "Philologie und literarisches Leben", wo unter dem Stichwort "Dichterkreise/Koproduktionen" zu lesen ist:
"Experimentelle Dichtung bzw. visuelle und konkrete Poesie diskutieren und produzieren in den fünfziger und sechziger Jahren die 'Stuttgarter Gruppe' aus Schriftstellern und Typographen (Bense, Reinhard Döhl, Ludwig Harig, Helmut Heißenbüttel), der internationale 'Darmstädter Kreis' (Claus Bremer, Dieter Rot, Spoerri, Thomkins, Williams) und die an Dadaismus/ Surrealismus anknüpfende, mit Methoden der Sprachphilosophie und Kybernetik arbeitende 'Wiener Gruppe' (Achleitner, Hans Carl Artmann, Konrad Bayer, Gerhard Rühm, Oswald Wiener); zur Österreichischen Literatur-Avantgarde zählt ferner der Grazer Kreis 'Forum Stadtpark' (Wolfgang Bauer, Thomas Bernhard, Barbara Frischmuth, Peter Handke, Ernst Jandl, Friederike Mayrökker)."
Ein solcher Artikel verstellt allerdings mehr als er erhellt. Das beginnt mit den Namen, unter denen für Stuttgart die der Typografen, Klaus Burkhardt und vor allem Hansjörg Mayer, fehlen. Ferner sind Autoren falsch zugewiesen. Denn Ernst Jandl, der in Stuttgart entdeckt wurde, muß, Friederike Mayröcker könnte auch der "Stuttgarter Gruppe" zugerechnet werden. Thomas Bernhard hat weder mit dem "Forum Stadtpark" zu tun noch ist er Autor experimenteller, geschweige denn konkreter Poesie. Die für den "Darmstädter Kreis" vornamenlos genannten Spoerri, Thomkins und Williams scheinen dem Lexikographen wenig zu sagen, wird doch im Register Emmett Williams der Vorname Tennessy beigelegt. Dadaismus, Kybernetik, Sprachphilosophie lassen sich zwar als Grundlage und Anregung auch der "Wiener Gruppe" benennen, müßten aber vorrangig erst einmal mit der Stuttgarter Gruppe/Schule in Verbindung gebracht werden. Darüber hinaus fehlt ein Hinweis auf Wechselbeziehungen zwischen den einzelnen Gruppen, z.B. darauf, daß es die "Manuskripte" des "Forum Stadtpark" waren, die 1965 die "Stuttgarter Gruppe" umfassender vorstellten, daß Bremer, Rot, André Thomkins und Emmet Williams auch im Umfeld der "Stuttgarter Gruppe" eine Rolle spielten, wie überhaupt die internationalen Verflechtungen speziell der "Stuttgarter Gruppe" merkwürdig unerwähnt bleiben. Schließlich werden wieder einmal die akustischen Leistungen konkreter Poesie, ihre Affinität zur akustischen Kunst einfach ignoriert.
Dabei hätte sich der Verf. bereits in "Meyers Enzyklopädische[m] Lexikon" (erschienen in den 70er Jahren) oder - ausführlicher - in "Metzler[s] Literatur Lexikon" (seit 1984 in mehreren Auflagen) durchaus schlauer machen können.
So ganz unbekannt ist nämlich die "Stuttgarter Gruppe/Schule" nicht, vor allem, wenn man Artikel oder Erwähnungen in den Print Medien auch außerhalb Deutschlands, in Japan zum Beispiel, der Tschechoslowakei, heute Tschechien, in Brasilien, Frankreich, England und anderen Orts hinzurechnet. Und wer Materialien sucht, von Publikationen über Typoskripte, Partituren, bildkünstlerische oder grafische Arbeiten bis zu einer intensiveren Korrespondenz, wird zwar nicht in Marbach, wohl aber in der Bibliothek der Mushajino Art University in Tokyo (im Nachlaß Seichii Niikuni), im Museum der tschechischen Nationalliteratur in Prag (in der Sammlung Bohumila Grögerová/ Josef Hiršal), in der Bibliothek in Amiens (Sammlung Ilse und Pierre Garnier) und anderen Orts fündig. Der Nachlaß Benses wird hoffentlich doch noch nach Marbach finden, der Nachlaß Heißenbüttels wahrscheinlich an die Berliner Akademie gehen. Was aus dem Material wird, das sich bei mir angesammelt hat, steht in den Sternen.

Anfänge und Name
Ludwig Harig hat mehrfach die Stuttgarter der "Schule von Athen" verglichen und sogar einige ihrer Mitglieder auf dem Bild Raffaels identifiziert. Er hat für sich und Manfred Esser die Rolle des Namengebers und Taufpaten reklamiert und auf seine Weise (zuletzt in "Im Geheimen ein Spiel. Poesie und Mathematik" in der Bense-Festschrift "zeichen von zeichen für zeichen", 1990) wiederholt, was Esser schon 20 Jahre vorher in einem tagebuchähnlichen Essay, "Unter aller Kritik der Kritik. Bense und die Linke in den Stuttgarter 60er Jahren", in Anspruch genommen hatte:
"Bei den Tel-Quel-Leuten (Faye, Foucault, Sollers) und der italienischen Gruppe 63 (Sanguinetti) setzen 63 mit Freudentränen Esser & Harig den möglichen Index STUTTGARTER SCHULE an, ein, durch."
Ich sehe das etwas anders, und datiere die Anfänge der Stuttgarter Konstellation wenn nicht mit den Umzügen Heißenbüttels und Döhls nach Stuttgart, wo Bense seit 1950 wirkte, so spätestens mit einem heftig umstrittenen Vortrag, "Zeitgenössische Literatur in Deutschland", auf den "Morsbroicher Kunsttagen 1961" (Schloß Morsbroich, 5.-7. Mai 1961), in dem es Bense um konkrete, vor allem aber auch künstliche Poesie, also Computertexte ging. Das professorale "wir" des Vortragenden, auch in der von Adorno geleiteten Diskussion des nächsten Tages, erweckte bei den zuhörenden Künstlern, nicht ganz zu Unrecht, den Eindruck eines Stuttgarter Gruppenunternehmens. (Gelesen haben in Morsbroich übrigens neben Helmut Heißenbüttel auch Bremer und Franz Mon, zu denen spätestens seit diesen "Kunsttagen" von Stuttgart aus Kontakt gehalten wurde).

Chronologie
Wie immer dem sei: ein Streit um Prioritäten führt - ähnlich wie seinerzeit die Diskussion um die Erfindung des Wortes Dada - nicht weiter. Und so halte ich mich im Folgenden, philologisch exakt, an die Quellen und rekapituliere
- daß Klaus Burkhardt 1962 einen "Unendlichen Calender" mit Texten von Bense, Rühm, Elisabeth Borchers, Burkhardt, Döhl, Harig und Esser druckte, bei dessen Vorstellung in Niedlichs Bücherdienst Eggert, einem frühen Ort der Stuttgarter Aktivitäten, Esser und Döhl einen kleinen, gemeinsam in Weinlaune geschriebenen Text vorlasen, allerdings kein "Manifest der 60er Jahre", wie Esser später in seinem tagebuchähnlichen Essay stilisieren wird.
- Ich rekapituliere weiter, daß eine "Ecole de Stuttgart" erstmals am 29. Oktober 1963 auf der 3. Biennale im Musée d'Art Moderne in Paris im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Art du langage", präsentiert vom R.T.F. und der Domaine Poétique, auftrat mit "Poèmes de Heissenbüttel, Reinhardt Döhl, Ludwig Harig" und einer "Présentation de Manfred Esser". Soweit das Programmheft. Das 'Tagebuch' Essers nennt noch, und ich kann sie bestätigen, Texte Max Benses und vermerkt, daß "Bazon Brock [...] sich, Kriwet und Mon hinzu"getan habe. Ich erinnere mich ferner an einen Film Georg Benses zu Bremers "der fisch fliegt steil" und daran, daß für die Dauer der Veranstaltung von Burkhardt und Döhl überdruckte Zeitungen, sogenannte "Use Papers", mit Stecknadeln an die Wände des Vortragssaals geheftet waren. Eine Rezension der Lesung spricht ebenfalls von "Ecole de Stuttgart".
- In März 1965 erscheint die sogenannte Stuttgart-Nummer der Grazer "Zeitschrift für Literatur, Kunst, Kritik", "manuskripte", mit einem Manifest von Bense und Döhl aus dem Jahre 1964, sowie Beiträgen von Bense, Döhl, Harig, Heißenbüttel, Jandl, Mayer, Mon, Bremer und anderen. Das Editorial erklärt eine Vorstellung der "Stuttgarter Gruppe" für "notwendig" und erklärt "Die Ecole Stuttgart" für "eine Erfindung der französischen Literaturkritik". Dann weiter: "Was diese Gruppe" verbinde, sei "1. die Tradition einer sogenannten experimentellen Kunst seit der Literaturrevolution und 2. ein vergleichsweise ähnliches (theoretisches) Bewußtsein den Materialien gegenüber, mit denen" man arbeite. Ansonsten gehe "jeder seine[r] Wege" und verwirkliche "für sich seine ästhetischen Vorstellungen und Absichten".
Bense und Döhl unterscheiden in ihrem Manifest als Tendenzen aktueller Poesie:
"1. Buchstaben = Typenarrangement = Buchstaben-Bilder
2. Zeichen = grafisches Arrangement = Schriftbilder
3. serielle und permutationelle Realisation = metrische und akustische Poesie
4. Klang = klangliches Arrangement = phonetische Poesie
5. stochastische und topologische Poesie
6. kybernetische und materiale Poesie."
"Allerdings", schränken sie ein, würden "diese Möglichkeiten nicht in reiner Form verwirklicht. Wir ziehen die Poesie der Mischformen vor. Ihre Kriterien sind Experiment und Theorie, Demonstration, Modell, Muster, Spiel, Reduktion, Permutation, Iteration, [...] Störung und Streuung, Serie und Struktur. Das Erzeugen ästhetischer Gebilde" erfolge "nicht mehr aus Gefühlszwängen, [...] sondern auf der Basis bewußter Theorien, intellektueller [...] Redlichkeit. Zur Realisation ästhetischer Gebilde" bedürfe "es des Autors und des Druckers und des Malers und des Musikers und des Übersetzers und des Technikers und des Programmierers. Wir sprechen von einer materialen Poesie oder Kunst. An Stelle des Dichter-Sehers, des Inhalts- und Stimmungsjongleurs" sei "wieder der Handwerker getreten, der die Materialien" handhabe, "der die materialen Prozesse in Gang" setze "und in Gang" halte. "Der Künstler heute" realisiere "Zustände auf der Basis von bewußter Theorie und bewußtem Experiment.
Wir sprechen von einer experimentellen Poesie, insofern ihre jeweiligen singulären Realisationen ästhetische Verifikationen oder Falsifikationen bedeuten. Wir sprechen wieder von einer Poietike techne. Wir sprechen noch einmal von einer progressiven Ästhetik bzw. Poetik, deren bewußte Anwendung ein Fortschreiten der Literatur demonstriert, wie es schon immer den Fortschritt der Wissenschaft gab."
- Im Juli 1965 veröffentlicht Jacques Legrand in der Revue "Critique" einen Essai "Max Bense et le Groupe de Stuttgart", in dem er die ästhetischen Theorien Benses und, in ihrem Zusammenhang, stochastische Texte sowie die letztjährigen Veröffentlichungen Benses, Harigs, Heißenbüttels und Döhls diskutiert. Dabei spannt Legrand über Mon den Bogen auch zu der von Pierre Garnier herausgegebenen Zeitschrift "Les Lettres", in deren Nr. 31, 1963, unter dem "Plan pilote fondant le Spatialisme" unter anderen auch die Namen Bense, Döhl, Harig, Jandl und Mon gestanden hatten. Was insofern erwähnenswert ist, als das Manifest "Zur Lage" wesentlich durch diesen "Plan pilote [...]" provoziert wurde.
[Daß eine "Groupe de Stuttgart" im literarischen Bewußtsein Frankreichs eine bereits fixe Größe war, belegt 1969 das 6. Heft der "Revue" "Manteia", das sich fast zur Hälfte mit Texten von Bense, Heissenbüttel, Mon, Jürgen Beker, Harig und Döhl füllt, mit Ausnahme Heißenbüttels, der von Charles Grivel übersetzt wurde, übersetzt von Legrand.]
- In der Chronologie wäre als nächstes das von den Editionen Hansjörg Mayer und Domberger herausgegebene ausschließlich Stuttgarter Mappenwerk "16 4 66" zu nennen, mit Texten von Bense, Döhl, Heißenbüttel, Yüksel Pazarkaya, mit Typografik von Burkhardt und Mayer, Computergrafik von Frieder Nake, einer grafischen Partitur von Erhard Karkoschka, sowie mit Siebdrucken von Siegfried Cremer, Günther C. Kirchberger und Diter Rot.
- Die Tage für "neue literatur in hof" 1966-1970, die von Claus Henneberg (z.T. in Zusammenarbeit mit Döhl) organisiert werden, sind vor allem der experimentellen Literatur der Stuttgarter Gruppe verpflichtet, deren Mitglieder, mit Ausnahme Benses, vollständig und z.T. mehrfach dort gelesen, diskutiert, literarisches Kabarett gemacht und auch ausgestellt haben - in der Begegnung mit experimentellen Autoren und Künstlern vor allem aus der Tschechoslowakei und Österreich, deren Namen sich früher oder später gleichfalls in den Programmen von Stuttgarter Veranstaltungen wiederfinden. (Zu den Hofer Veranstaltungen im einzelnen vgl. die Zusammenstellung im Programmheft 1970).
- Am 21. November 1967 kommt es schließlich im Rahmen der Stuttgarter Buchwochen im Landesgewerbemuseum zu einer inzwischen legendär gewordenen, 1994 noch einmal rekonstruierten Mammutlesung mit Beiträgen von Döhl, Eugen Gomringer, Harig, Heißenbüttel, Jandl, Kriwet (via Tonband), Mon, Rot, Rühm, Konrad Balder Schäuffelen und Wolfgang Schmidt, der Bense eine Einführung über "Engagement und Experiment" vorausschickte, aus deren Schluß ich zitiere:
"Auch ist es klar, daß zwischen den extremen Fällen, zwischen Experiment und Engagement, alle Grade des Scheiterns und des Vergeblichen einkalkuliert werden müssen. Der Sinn für das Unvollkommene gehört ohnedies zur Realität des Schöpferischen und das Vollkommene wird dem Spleen der Theologen überlassen. Daß das Meisterwerk heute unmittelbar am Tinnef, am Kitsch entstehen kann und das Subtile ins Triviale eingebettet wird, gehört zur feineren Dialektik der artistischen Züge dieser Literatur. [..]
Im Ganzen [...] also dem 'Prinzip Forschung' stärker verhaftet als dem 'Prinzip Hoffnung', dem Globalen stärker als dem Regionalen, dem Urbanistischen stärker als dem Idyllischen, dem Zynischen stärker als dem Melancholischen, der Variante stärker als dem Typischen und der Provokation stärker als der Saturierung - bleibt das schreibende Wesen ein einzelnes und denkendes Wesen - das zwar gesellschaftlich agiert, aber individuell entscheidet, und mir scheint, daß genau dies in jedem Falle zur realen Signatur der Humanität dieser technischen Zivilisation gehört, die zweifellos nicht mehr rückgängig gemacht werden kann."
Zwei Jahre später, aber das gehört fast schon zum Abgesang der, im Verständnis Lawrence Alloways, "heroischen Phase" einer Stuttgarter Gruppe, gibt es auf dem Stuttgarter Kirchentag - "Kirchentägliches mit Wittgenstein" überschrieb es eine Stuttgarter Zeitung - einen weiteren gemeinsamen Stuttgarter Auftritt, diesmal von Esser, Heißenbüttel, Harig, Mader und Döhl.
Bereits zur Bestandaufnahme rechne ich
- 1. die von Cremer, Mayer und Döhl für die Goethe-Institute in Barcelona, Madrid und Bilbao zusammengestellte Ausstellung mit Katalog, "texto lettras imagines", 1967/68, mit Beiträgen von Bremer, Burkhardt, Cremer, Döhl, Kirchberger, Kriwet, Mayer,
- 2. die von "Freunden und Schülern" reich bestückte "anthologie für max bense" aus dem Jahre 1970, "muster möglicher welten", deren zahlreiche Beiträger ich hier nicht auflisten kann, und
- 3. den Beitrag der "Stuttgarter Gruppe" zur großen Amsterdamer Wanderausstellung "akustische texte / ?konkrete poesie / visuelle texte", an deren Aufbau Mayer und Döhl wesentlich beteiligt waren.
- 1971 macht diese Ausstellung auch in Stuttgart Station, mit visuellen Arbeiten von (in der Reihenfolge des Katalogs) Bense, Burkhardt, Döhl, Heißenbüttel, Mayer, Harig, Kriwet, Mon, Schäuffelen, Schmidt und Tim Ulrichs. Die Sonderveranstaltungen in Stuttgart umfassen die "Eröffnung mit Einführung von Max Bense und Lesung von Eugen Gomringer" (24.3.), eine Lesung von Pierre Garnier, Heißenbüttel, Jandl und Mayröcker (27.3.), "Texte und Kommentare" von Bremer, Döhl, Heinz Gappmayr, Thomkins (7.4.) und von Döhl das Referat "Konkrete Literatur und Engagement", mit anschließendem Podiumsgespräch und Diskussion (28.4.).
- Als letzte Bestandaufnahme wäre schließlich noch zu nennen die in der Staatsgalerie Stuttgart 1992 unter Mitarbeit von Ulrike Gauss, von Arnulf M. Wynen und Cremer zusammengestellte Wanderausstellung "Grenzgebiete der bildenden Kunst", die noch einmal in den von Döhl, Herbert W. Franke und Karkoschka verantworteten Ausstellungsteilen "Bild Text Textbilder", "Computerkunst" und "Musikalische Graphik" auch auf die Rolle Stuttgarts in der Literatur, Kunst und Musik der 60er Jahre verweist.

Ende oder Zäsur
Ein der "konkreten poesie" im Amsterdamer Katalog vorangestelltes Fragezeichen wollte andeuten, daß wir damals die Phase einer konkreten Poesie im engeren Sinne für abgeschlossen, ihre Möglichkeiten für erschöpft hielten. Entsprechend hatten Felix Andreas Bauman und Döhl für eine vergleichbar umfangreiche Zürcher Ausstellung 1970 den Terminus "konkret" ganz vermieden und - analog zu "texto lettras imagines" - von "text buchstabe bild" gesprochen, hatte Heißenbüttel, ebenfalls 1970, in seinen "Anmerkungen zur konkreten Poesie" notiert, daß dort, wo sie sich "zu speziellen Einzelmethoden, Einzeltechniken, Einzelrichtungen" verengt habe, die konkrete Poesie historisch abgeschlossen, überschaubar, museal erscheine. Im "größtmöglichen Miteinander von Methoden" jedoch, durchlässig an den Rändern, könne sie "nicht nur [...] neue" literarische "Sprechweise", "sondern ebenso [...] eine neue Weise" sein, "sich sprachlich in dieser Welt zu orientieren". Nichts anderes aber hatten schon Bense und Döhl gemeint, als sie 1964 zwar nicht von einem "größtmöglichen Miteinander von Methoden", wohl aber von einer Bevorzugung der "Mischformen" sprachen.
Daß der Anfang der 70er Jahre in der Geschichte der Stuttgarter Gruppe so etwas wie eine Zäsur markiert, ist schon äußerlich leicht zu zeigen. Hansjörg Mayer schließt seine Galerie, wendet sich in seiner Edition, nach der Herausgabe der "Gesammelten Werke" Rots, ethnologischen Themen zu und verläßt Stuttgart Richtung London. Bense konzentriert sich, zusammen mit Elisabeth Walther, primär auf seine semiotischen Forschungen. Von Burkhardt ist nurmehr wenig zu sehen. Döhl zieht sich aus dem Kulturleben zeitweilig völlig zurück und produziert ausschließlich für die "black box". Heißenbüttel wechselt nach den "Textbüchern" über die "Projekte" zu "einfachen Geschichten" und "Erzählungen" und verläßt, mit seiner Pensionierung 1981, Stuttgart Richtung Norden.
Wenn er allerdings seine "einfachen Geschichten" und "Erzählungen", die alles andere als traditonelle Erzählprosa sind, jetzt wieder als "Textbücher" ausweist, bekennt er sich gleichzeitig zu einer Tradition, von der sich Harig immer weiter entfernt, um am 14. April 1995 in der Rezension: "Eine Legende lebt. Max Benses Reihe 'rot' und die ewige Jugend des Experiments", zu thematisieren, was seine (anekdotenreiche) autobiographische Prosa als Kurswechsel längst vollzogen hatte.
"Ich möchte meine experimentellen Lehrjahre der Stuttgarter Schule nicht missen. Ohne Max Benses Einflüsse wäre mein heutiges Erzählen nicht möglich. Und doch: so frisch und unverbraucht mir die Nachfolge Benses erscheint, weder die Rüstigkeit junggebliebener Schlachtrösser noch die Streitlust herangewachsener Laboranten vermag beim kalkulierten Ringen mit der Tücke der Sprache das Kernproblem des Experimentellen zu lösen. Das Problem liegt nämlich in der Sache selbst. Die Provokation experimenteller Literatur ist zugleich das, was an ihr unbeteiligt läßt. In den gelungenen Texten versteht es der Autor zwar - über die reine Demonstration des Sprachmaterials hinaus - sowohl menschliche Verhaltensweisen als auch gesell-schaftliche Zustände in methodisch angeordneten Wortgestiku-lationen vorzuführen (Beispiel: Heißenbüttels, Gomringers, Franz Mons Konstellationen, Jandls Sprechakte, Benses Wort-bilder): Doch die noch so meisterhafte Demonstrationskunst in Sprache hält dem Alterungsprozeß nicht stand. Sprache, an menschliche Aussage, menschlichen Ausdruck, menschlichen Austausch gebunden, mit Mitteilungsvermögen und phantasievoller Verwandlungskraft ausgestattet, drängt nach Geschichten, die sie zu erzählen imstande ist. Techniken, aus artifiziellen Prinzipien entwickelt, riskieren Abnutzung, ja Verschleiß des Mechanischen und altern rascher als Techniken des Erzählens, die mit natürlichen Zeit- und Perspektivewechsel operieren. Der Mensch ist eben kein beschriebenes, sondern ein erzähltes Wesen; indem von ihm erzählt wird, konstituiert es sich als gesellschaftliches Geschöpf. Nur der erzählte Mensch altert nicht."
Diesem (Selbst)Verständnis, nach dem es in den 60er Jahren zwar eine experimentelle Literatur mit durchaus überzeugenden Ergebnissen gegeben habe, gegen deren schnelles Altern aber nur ein Kraut, nämlich das des Erzählens, gewachsen sei, wäre erstens die seit den 70er Jahren entstandene Literatur Heißenbüttels, Mons und Jandls leicht entgegenzuhalten, was ich im Rahmen eines Kurzreferats nicht leisten kann. Zweitens wäre zu fragen, wieweit Harig die Hauptanliegen der Stuttgarter Gruppe/Schule überhaupt verstanden bzw. sich zu eigen gemacht hatte, wenn er sie ausschließlich auf einen überdies zu eng gefaßten Experimentbegriff festlegt.

Gruppe versus Schule
Bevor ich diese Frage zu beantworten, und damit einen Überblick über die Stuttgarter Interessen versuche, muß ich noch einmal zum Etikett zurückkehren. Harigs Rezension in der "ZEIT" spricht immer noch von "Stuttgarter Schule". Und in der Tat hat sich ein Nebeneinander der beiden Begriffe Schule und Gruppe bis heute gehalten, obwohl bereits 1965 sowohl die "manuskripte" wie Legrand in seinem Essai eindeutig für "Gruppe" votiert hatten und wir uns seit den 80er Jahren, in denen auch Bense und Döhl wieder begannen, literarische Texte zu publizieren und auszustellen, wiederholt um eine begriffliche Trennung bemühten, so im Juli 1986 in einem Interview, das die Literaturzeitschrift "Flugasche" "'Stuttgarter Gruppe' - nicht 'Schule'" überschrieben hat. Harry Walter hat 1994 in dem Bense gewidmeten Marbacher "Spuren"-Heft mir "den Vorschlag" zugeschrieben, "den strengen Begriff der Schule ausschließlich für die an Benses Stuttgarter Institut oder die im Geiste dieses Instituts geleistete wissenschaftliche Arbeit" zu verwenden, die "mit Bense sympatisierenden und ihm in vielerlei und kaum spezifizierbarer Hinsicht verpflichteten Intellektuellen, Schriftsteller, Künstler" dagegen unter Stuttgarter Gruppe zu subsumieren. Das ist so nicht korrekt. Erstens gab es zu dieser Frage durchaus noch Gespräche mit Bense, der allerdings, jeder Etikettierung abhold, gelegentlich die Existenz einer Stuttgarter Gruppe/Schule rundheraus abstreiten wollte. Zweitens haben Elisabeth Walther und ich uns 1991 anläßlich einer gemeinsamen Eröffnung der Bense-Ausstellung bei Buch Julius geeinigt, daß zwar im Umfeld Benses zur Produktion von literatur oder Kunst in gleichem Maße die Rede über Literatur und Kunst gehört habe, beides nicht immer leicht zu trennen sei, daß aber dennoch getrennt werden solle zwischen "Stuttgarter Schule", worunter wir künftig jene Mitarbeiter rechnen wollten, die im Sinne exakter Ästhetik oder Semiotik geforscht und geschrieben haben und schreiben, und "Stuttgarter Gruppe", der dann die der Zeitschrift "augenblick", der Publikationsfolge "rot", der Studiengalerie oder sonst Bense verbundenen Künstler zuzurechnen seien, was Autoren, bildende Künstler, Komponisten, aber auch Übersetzer und Interpreten einschließen sollte.

Vom Umfang der Gruppe
Definiert man anhand der gegebenen Chronologie und im Verständnis der Soziologie die Stuttgarter Gruppe als eine offene, fluktuierende Gruppe, müßte man zwischen einem engeren und einem weiteren Kreis unterscheiden. Den engeren Kreis hätten danach die in Stuttgart lebenden Bense, Heißenbüttel und Döhl gebildet, ergänzt um die Typographen Klaus Burkhardt und vor allem Hansjörg Mayer. Zu diesem engeren Kreis wären ferner wegen Ihrer Publikationen im "augenblick" und der seit 1960 von Bense und Elisabeth Walther herausgegebenen Reihe "rot", sowie auf Grund engerer persönlicher Beziehungen zu mindest einem der Genannten, die Nichtstuttgarter Ludwig Harig, Franz Mon und Ernst Jandl zu zählen.
Hinzu kämen Esser, Helmut Mader und Kiwus, die aber im SKKB [= Sozialistisch-Katholischen Künstlerbund] durchaus eigene Interessen vertraten und dergestalt so etwas wie einen Satelliten zu dem eigentlichen Kern bildeten.
Fast schon zur zweiten Generation zu zählen wären die Benseschülerin Friederike Rot und wohl auch noch Jens-Peter Mardersteig.
Alle anderen in der Chronologie genannten Autoren und Künstler würde ich, bei unterschiedlich engen Verbindungen, Annäherungen und Entfernungen, dem Umfeld der Stuttgarter Gruppe zuschlagen.
Bei der grundsätzlichen Offenheit des Stuttgarter Gruppenunternehmens wenig überraschend sind zeitlich beschränkte aber auch langfristigere Verbindungen mit anderen Gruppierungen. Das wäre ganz zunächst, über die Verbindung Benses mit der Hochschule für Gestaltung in Ulm, der Kontakt zu der brasilianischen Noigandres-Gruppe, und hier insbesondere zu Haroldo de Campos. Ferner zu Pierre Garnier und der Zeitschrift "Les Lettres", zu tschechoslowakischen, vor allem Prager Experimentalkünstlern und -autoren wie Bohumila Grögerová, Josef Hiršal, Jiri Kolar und Ladislav Novák. Entsprechend finden sich im Register zu Grögerova/Hiršals Erinnerungen "Let Let. Im Flug der Jahre" für Bense 27, für Döhl 28, für Heißenbüttel 36, für Jandl 33, für Mayer und Mon je 11 und für Burkhardt und Harig noch je 5 Nennungen.
Engere Beziehungen bestanden auch zum "Forum Stadtpark" in Graz, bestehen seit den frühen 60er Jahren zu Japan, zunächst zur Asa-Gruppe, mit der zusammen in den 60er Jahren mehrfach ausgestellt wurde, später zur Shi-Shi-Gruppe sowie zum Künstlerkreis um Shutaro Mukai, der andererseits zum wissenschaftlichen Beirat der Zeitschrift "Semiosis" gehört. Des weiteren gab bzw. gibt es Beziehungen zu den türkischen Autoren Özdemir Nutku und Pazarkaya, wobei man letzteren zum weiteren Kreis der Stuttgarter Gruppe rechnen muß, nach Mexiko, den USA, Dänemark, Schweden und anderes mehr.
Außer Autoren (die als Doppelbegabungen häufiger auch in einem bildkünstlerischen Kontakt zu Stuttgart standen oder noch stehen) sind aber auch eine Reihe bildender Künstler wenigstens peripher der Stuttgarter Gruppe zuzurechnen, darunter die Vertreter der inzwischen legendären "Gruppe 11", dem Alphabet nach Atila (Biro), den Bense und Döhl (aber auch Garnier) wiederholt eröffnet, zu dem sie publiziert haben; Georg Karl Pfahler, den Bense und Döhl eröffnet, zu dem Bense und Döhl publiziert, mit dem Bense und Döhl auch künstlerisch zusammengearbeitet haben; Günther C. Kirchberger, über dessen Oeuvre Heißenbüttel und Döhl gesprochen und publiziert, mit dem Döhl (und dann auch Hansjörg Mayer) in den 60er Jahre sehr intensiv zusammengearbeitet haben, und schließlich Friedrich Sieber, über den ausschließlich Döhl geschrieben und gesprochen hat. Außer der "Gruppe 11" vor allem genannt werden muß ferner Reinhold Köhler, den Bense, Heißenbüttel und Döhl z.T. mehrfach eröffnet, über den Bense und Heißenbüttel geschrieben, mit dem Bense und Heißenbüttel publiziert haben. Genannt werden müßten aber auch eine Reihe brasilianischer, nicht nur konkreter Künstler. Allein die Ausstellungen der von Bense eingerichteten Studiengalerie wären ein eigenes Kapitel wert. Ich nenne aber nur noch Werner Schreib, der zwar mit der von ihm und Lucio Lattanzi proklamierten "Semantischen Malerei" bei Bense auf kein Verständnis stieß, dennoch aber Stuttgart bis zu seinem Unfalltod 1969 freundschaftlich verbunden blieb und in einer hinterlassenen "Roman-Assemblage", "Das Tribunal", Bense sogar das letzte Wort behalten ließ.
Etwas spärlicher fällt der Bereich Musik aus. Doch gibt es auch hier Wechselbezüge zur "Schola cantorum" z.B. unter Clythus Gottwald, die unter anderem Benses Collage "Rosenschuttplatz" und Döhls "man" realisierte, zum "Trio Ex Voco", zu Peter Hoch, der ein "portrait m.b." komponierte und Harig 'vertonte', zu dem Komponisten Friedhelm Döhl oder dem Cellisten Johannes Zagrosek. Auch wäre einmal darauf aufmerksam zu machen, daß die visuellen Hervorbringungen der Stuttgarter Gruppe durchaus Partiturcharakter haben können oder ausdrücklich als "Partituren" ausgewiesen sind.

Von Orten und Örtern
Was meine Hinweise auf die Tage für "neue literatur in hof" wie allgemein auf das Bekanntsein der Stuttgarter Gruppe außerhalb Stuttgarts und Deutschlands andeuteten wollten, läßt sich konkretisieren, wenn man einmal nach den Orten und Örtern fragt, die mit einzelnen oder mehreren Künstlern der Stuttgarter Gruppe in Verbindung gebracht werden müssen.
Für Bense allenfalls der Ort seiner Füße, hat Stuttgart z.B. in den "Textbüchern" Heißenbüttels, im "Stuttgart Prospekt" Döhls durchaus deutlichere, wenn auch für die Werbung kaum geeignete Spuren hinterlassen.
Wichtiger jedoch sind andere Orte, so im Falle Benses die Hochschule für Gestaltung in Ulm, an der er zeitweilig lehrte, ein Ort der Begegnung mit Max Bill, mit Gomringer, der ersten Begegnung mit den Brasilianern, mit Shutaro Mukai, ferner Claus Bremer oder Paul Pörtner, der hier in einem elektronischen Studio auch für Stuttgart anregende Hörspielexperimente veranstaltete. Nicht unwichtig waren ferner die Ausstellungen im "studio f", in denen Kunst gezeigt wurde, die es in Stuttgart (so noch) nicht zu sehen gab, was allemal eine Reise nach Ulm wert war.
Genannt werden muß ferner Hamburg, wo Bense an der Hochschule für bildende Künste 1958 bis 1960 und 1966 bis 1976 zweimal eine Gastprofessur für Ästhetik inne hatte. Heißenbüttel war nach seinem Studium beim Hamburger Claassen-Verlag Lektor, bis er 1957 beim Süddeutschen Rundfunk zunächst eine Regieaussistenz übernahm und 1959 Leiter des Radio-Essays wurde, ohne seine Beziehungen zu Hamburg je ganz aufzugeben. Döhls künstlerische Anfänge datieren 1954/1955 in Hamburg mit Fotografie und dem vergeblichen Versuch, auf Grund dieser Fotos zum Studium an der Hamburger Kunstakademie zugelassen zu werden. Auch in seinem Fall sind die Verbindungen zu Hamburg (vor allem dem Norddeutschen Rundfunk) nie ganz abgerissen. Hamburger Künstler, z.B. Arnim Sandig oder Paul Wunderlich, haben nicht nur in Stuttgart oder Hof ausgestellt, es ist über sie oder mit ihnen auch publiziert worden. Im Falle Sandigs z.B. von Heißenbüttel, Bense, Döhl.
Straßburg, der Geburtsort Benses war auch der Geburtsort Arps, über den Döhl promovierte.
Das Rheinland, in dem Bense von 1920 bis 1938 lebte, zur Schule ging, studierte und erstmals 1928 auch schriftstellerisch tätig wurde, bekommt im "Entwurf einer Rheinlandschaft" (1962) seine poetische Topografie.
Fast schon zentral ist die Verbindung mit Paris, der "alten Dame mit Hut", um Bense zu zitieren, die in dem von Bense 1952 begründeten Arbeitskreis "Geistiges Frankreich" des Studium Generale der TH Stuttgart (ebenfalls einer Gründung Benses) und in den 60er Jahren fast allgegenwärtig war. Ich nenne hier nur die Namen Gertrude Stein, Stéphane Mallarmé, Francis Ponge, Raymond Queneau, Jean Genet, Jean Paul Sartre, Nathalie Sarraute, ich nenne das Collegium Pataphysicum, das Studio bzw. den Club d'Essai, den Verlag Gallimard. Paris war, anekdotisch, der Ort, an dem sich Bense und Döhl erstmals verabredeten aber verpaßten, der Ort Barbaras, des ersten gemeinsamen Auftretens der "Ecole de Stuttgart". In Paris wohnten Ilse und Pierre Garnier und andere Freunde, und ganz in der Nähe, in Meudon, arbeitete Arp.
Gringnan in der Provence war nicht nur ein Fluchtpunkt Benses sondern auch der Ort zufälliger Begegnungen, wie sich sehr schön den rot-Nummern 60 (Bense: "Grignan 1. Grignan 2. Beschreibung einer Landschaft") und 61 (Pierre Garnier: "Treffen in Grignan") ablesen läßt.
Wichtig vor allem für die Geschichte der Stuttgarter Schule sind die insgesamt 12 USA-Reisen Benses seit 1969, nicht nur für die Stuttgarter Schule sondern auch Gruppe die vier Brasilienreisen Benses (1961-1964), in deren Folge eine Reihe brasilianischer Schriftsteller, Künstler und Architekten nach Stuttgart kamen mit Auswirkungen bis nach Prag.
Ich habe die wichtige Beziehungen zu Prag bereits quantitativ angedeutet und ergänze inhaltlich dahingehend, daß in den 60er und dann wieder in den 90er Jahren Prager Autoren und Künstler in Stuttgart gelesen, Vorträge gehalten und ausgestellt haben wie vice versa Stuttgarter Autoren und Künstler in Prag Vorträge hielten, lasen, Rundfunkinterviews gaben und ausstellten. Noch vor seiner westdeutschen Uraufführung wurde 1969/1970 ein Stück Döhls zunächst im tschechischen Rundfunk gesendet, dann auch szenisch realisiert. Und sicherlich nicht zum letzten Mal wurde die Verbindung Prag-Stuttgart dokumentiert in der diesjährigen Ausstellung "Básen obraz gesto zvuk. Experimentální poezie 60. let" (= Dichtung Bild Ausdruck Klang. Experimentelle Poesie der 60er Jahre) des Museums für Tschechische Literatur mit auch Stuttgarter Exponaten ebenso wie im Katalog, wo einer "Stuttgartská skola" - in der Reihenfolge des Katalogtextes - Heißenbüttel, Döhl, Harig, Mon, Schäuffelen, Schmidt, Koehler, Kirchberger, Burkhardt, Mayer, Bense, Elisabeth Walther und aaO auch Jandl zugeschlagen werden, vor allem aber auf ihre internationalen Beziehungen zur Tschechischen Republik, zu Frankreich, Brasilien und Japan abgestellt wird.
Auch die Stuttgarter Beziehungen zu Japan, das Bense und Döhl auf Vortragsreisen von Tokyo bis Kagoshima mehrfach durchquerten, haben bis heute Bestand in Form von Einzel- und Gruppenausstellungen, von Übersetzungen, Aufsätzen und gemeinschaftlichen poetischen Experimenten in der Tradition der japanischen Renga/Renku/Renshi.

Die Hervorbringungen
Zu den Leistungen der Stuttgarter Gruppe zählt, immer wieder genannt aber in ihrem Umfang und ihren Ausformungen nicht recht erfaßt, erstens die konkrete Poesie, nicht nur in ihrer vor allem bekannten visuellen Spielformen, über die hier zu reden, bedeuten würde, Äpfel nach Stuttgart zu tragen, sondern auch (siehe Benses Rosenschuttplatz, Döhls man oder Heißenbüttels Projekt Nr. 2) in den akustischen Spielmöglichkeiten. Eine umfassende Dokumentation des Studios für akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks nennt 1997 im internationalen Kontext zentrale Arbeiten Benses, Döhls, Heißenbüttels, Jandls und Mons. Wobei hier die Grenze zum Hörspiel fließend wird. Immerhin haben die genannten Autoren zusammen mit Harig zur Geschichte des "Neuen Hörspiels" seit Ende der 60er Jahren mit über 50 gesendeten Hörspielen nicht unwesentlich beigetragen.
Das Interesse an konkreter Poesie zeigt sich jedoch nicht nur in den visuellen und akustischen Hervorbringungen, es spiegelt sich in gleichem Maße in einer intensiven Ausstellungstätigkeit. Eine von Bense veranstaltete Ausstellung im Wintersemester 1959/1960, zu der sogar ein Fernsehbericht des Süddeutschen Rundfunks gesendet wurde, war die weltweit wohl erste ihrer Art, der weitere bis zu den großen Zürcher und Amsterdamer Abgesängen folgten. Sie und die von der Something Else-Press und der Edition Hansjörg Mayer 1967 gemeinsam verlegte, von Emmett Williams herausgegebene "Anthology of Concrete Poetry" haben die Rolle Stuttgarts für die konkrete Poesie ebenso festgeschrieben wie die hier einschlägigen zahlreichen Vorträge und Aufsätze Benses, ich nenne stellvertretend "Konkrete Poesie" von 1965, Heißenbüttels ("Anmerkungen zur konkreten Poesie", 1970) und Döhls ("Konkrete Literatur", 1971).
Eine weitere zentrale Leistung der Stuttgarter Gruppe, vor allem aber Benses war, in Verbindung mit hier zuständigen Programmierern, die Beförderung einer "unpersönlichen", von Bense sogenannten "künstlichen Poesie", also von mit Hilfe von Großrechenanlagen hergestellten "Stochastischen Texten" seit 1959, erstmals veröffentlicht im "augenblick", aber auch von computergenerierter Grafik, erstmals ausgestellt und heftig diskutiert im Januar 1965 in der Studiengalerie.
Eine dritte Leistung der Stuttgarter Gruppe sind die intendierten Mischformen bis Grenzverwischungen, wobei die Collage vielleicht das Bindungsglied bilden könnte zwischen Literatur und bildender Kunst. Das Interesse an den Collagen der Cubisten, an Kolar, der, ursprünglich Autor, den Versuch unternahm, die Literatur im Medium der Collage fortzuschreiben, wäre hier ebenso zu erinnern wie das Engagement für die Décollagen, Contrecollagen und Décollages imprimés Köhlers wie die Collagenproduktion Mons oder Döhls wie die reinen Textcollagen Benses, Harigs, Heißenbüttels, Döhls u.a.m.
Signifikant für die Stuttgarter Gruppe war ferner, Benses Einführung über "Engamement und Experiment" deutete dies bereits an, eine Verbindung von Experiment und Tendenz. Benses "augenblick", zunächst als "Zeitschrift für aktuelle Philosophie, Ästhetik und Polemik" begründet, firmierte seit 1958 im Zweittitel als Zeitschrift für "Tendenz und Experiment". Und es gibt unter den Veröffentlichungen der Stuttgarter Gruppe genügend Belege tendenziös-experimenteller Literatur, Döhls "missa profana", für die Bense ein apologetisches Gutachten schrieb, Benses Traktat "Ein Geräusch in der Straße", Harigs "Staatsbegräbnis", Heißenbüttels "Deutschland 1944" und andere Texte, die alle mehr oder weniger Ärgernis erregten. Mit der dialektischen Pointe, daß in einer Zeit, in der die regierende CDU die Parole "Keine Experimente" ausgegeben hatte, jedes Experiment bereits Opposition war. Selbst vordergründig nur experimentelle Texte konnten durchaus tendenziöses Potential entfalten, wie beispielsweise die tschechische Reaktion auf Heißenbüttels "Politische Grammatik" belegt.
Übrigens ließe sich hier ein trefflicher, der Stuttgarter Gruppe allerdings nur aus der Ferne verbundener Kronzeuge aufrufen, Günter Eich nämlich, der schon bevor er sich mit seinen späten Hörspielen und den "Maulwürfen" dem unsinnigen Experiment verschrieb, 1959 erklärt hatte:
"Wir wissen, daß die Macht daran interessiert ist, daß alle Kunst die Grenze der Harmlosigkeit nicht überschreitet. Macht widerstrebt der Qualität. Sprache, die über die gelenkte, die von ihr genehmigte, hinausgeht, ist nicht erwünscht. Ihr bloßes Vorhandensein stellt eine Kritik dar, etwas, was der Lenkung und damit der Macht selbst widerspricht.
Sprache, damit ist auch die esoterische, die experimentierende, die radikale Sprache gemeint. Je heftiger sie der Sprachregelung widerspricht, um so mehr ist sie bewahrend. Nicht zufällig wird sie von der Macht mit besonderem Zorn verfolgt. Nicht, weil der genehme Inhalt fehlt, sondern weil es nicht möglich ist, ihn hineinzupraktizieren. Weil da etwas entsteht, das nicht für die Macht einzusetzen ist. Es sind nicht die Inhalte, es ist die Sprache, die gegen die Macht wirkt. Die Partnerschaft der Sprache kann stärker sein als die Gegnerschaft der Meinung."
Nicht von ungefähr trifft man Eich dann auch unter den Autoren der Tage für "neue literatur in hof" wieder, wo er 1966 seine ersten, damals noch unveröffentlichten anarchistischen "Maulwürfe" (darunter "Kulka", "Hilpert" und das "In das endgültige Manuskript nicht aufgenommenes Bruchstück einer Memoire") vorstellte.

Tradition
Ich habe bereits das Interesse der Stuttgarter Gruppe an der Tradition experimenteller Kunst im 20. Jahrhundert zitiert und möchte hier lediglich noch ein paar Namen nennen bzw. wiederholen, zunächst und als erste Gertrude Stein und ihr Werk, an dessen theoretischer und praktischer Rezeption in der Bundesrepublik außer Heißenbüttel, der mit seinem Aufsatz "Reduzierte Sprache. Über ein Stück von Gertrude Stein" 1955 im "augenblick" den Anstoß gab, vor allem Bense, Elisabeth Walter und auch Döhl beteiligt waren. Über Gertrude Stein einerseits, Picasso und Braque andererseits geriet auch der analytische und synthetische Cubismus ins Blickfeld, über den ebenso publiziert wurde wie über den Dadaismus, hier vor allem über Arp und Schwitters. Aber auch Stéphane Mallarmé, James Joyce, oder Gottfried Benn, mit dem Bense bereits in den 30er Jahren korrespondierte, spielten in den Stuttgarter Diskussionen eine Rolle wie aktuell Raymond Queneau, den Harig und Eugen Helmlé übersetzten, die Experimente aus den Werkstätten der potentiellen Literatur (OULIPO), die Noveau Romanciers (Nathalie Sarraute), George Perec, Jean Genet oder die "cut ups" der "beat generation", wobei es uns eine diebische Freude bereitete, daß eines Tages in der "ZEIT" die "missa profana" Allen Ginsberg zugeschrieben wurde.

Individualwerk und Coproduktion
Es ist relativ leicht, bei Musterung der einzelnen Werkkomplexe das je Individuelle der Autoren und Künstler der Stuttgarter Gruppe herauszufinden. Eine Gruppenstil hat es nie gegeben, wohl aber gemeinsame Interessen. Und die konnten sich durchaus in wechselseitigem Zitieren, in Gemeinschaftsarbeiten niederschlagen. Ich nenne noch einmal das Manifest von Bense/ Döhl. Bense und Harig ("Der Monolog des Terry Jo"), Beker, Döhl und Harig haben gemeinsame Hörspiele geschrieben, Harig und Döhl für "muster möglicher welten" die "Deutsche Sprachlehre" "Hans und Grete" collagiert und für die "tage für neue literatur" in Hof 13 Wagneropern décollagiert. Zwei der "7 Vorworte Anna" in Döhls "Das Buch Es Anna" stammen von Bense und Heißenbüttel. Für Burkhardts Handpressendruck "Reste eines Gesichts" haben Bense und Pfahler, für das "affiche 14" Burkhardt, Pfahler und Döhl zusammen gearbeitet. "rot 9" (mit dem an Gertrude Stein gemahnenden Titel "portrait einwände") und die "poem structures in the looking glass" (rot 40) sind Gemeinschaftsarbeiten von Burkhardt und Döhl. Kirchberger und Döhl malten und schrieben gemeinsam "Textgrafik-Integrationen" und "Comic strips" und realisierten zusammen mit Hansjörg Mayer die Programme "Typografie", "Bild" und "Text". Mayer hat Benses "Rosenschuttplatz" "fortgesetzt" und derart ein visuelles Pendant zur akustischen Realisation durch Clythus Gottwald geschaffen. Was an Beispielen ausreichen sollte, der Stuttgarter Gruppe auch in der dialogischen Tendenz der Künste im 20. Jahrhundert einen Platz zuzuweisen.

Open end
Daß die Stuttgarter Gruppe in den 60er Jahren eine fluktuierende, offen gehaltene Gruppe war, dürfte auch die Erklärung sein dafür, daß die meisten ihrer Mitglieder über die "heroische" Phase der 60er Jahre hinaus bis heute in wechselnden Partnerschaften Kontakt gehalten haben. Ich möchte dies, bezogen auf die individuellen Werkentwicklungen, einen Begriff Wystan Hugh Audens verwendend, die Phase der "colonization" nennen. Vor allem durch eine umfangreiche mail art, für die ich an die Ausstellung des letzten Jahres hier im Wilhelmspalais erinnere, die schon genannten internationalen Kettendichtungen, sogenannte "poetische Korrespondenzen", wurden Beziehungen bis heute aufrecht erhalten, auch neue geknüpft, so daß es kaum überrascht, wenn es bei den letztjährigen Internet-Projekten von Johannes Auser und Döhl, einem "Epitaph Gertrude Stein", der "Hommage Helmut Heißenbüttel", mit abschließendem "Epilog" oder beim augenblicklichen "poemchess" weitgehend bei den alten Namen geblieben ist, ja daß wir sogar Texte Benses in unsere Ketten einbauen konnten.
Der Stuttgarter Part der "Wort für Wort"-Veranstaltungen, der 1994 unter dem Motto "Wie Stuttgart Schule machte" stand, bot denn auch mit einem "Symposium Max Bense" nicht nur einen Rückblick auf die Stuttgarter Gruppe und ihre internationalen Verflechtungen, sondern in den gemeinschaftlichen Lesungen von Esser und Harig, von Mon und Döhl auch aktuelle Literatur, im Wilhelmspalais retrospektive Typografie, in der Ausstellung "Aus den Pariser Skizzenbüchern" bei Buch Julius aktuelle Kunst. War es auf der einen Seite zum ersten Mal in Stuttgart möglich, nicht im Süddeutschen Rundfunk sondern mit Hilfe des Westdeutschen Rundfunks, im Wilhelmspalais exemplarische Hörspiele der Stuttgarter Gruppe aus den 60er Jahren zu hören, konnte man auf der anderen Seite im Wilhelma-Theater ein aktuelles Stück sehen, aufgeführt von der Gruppe "Wortissimo" unter Leitung von Gerdi Sobek-Beutter, die sich seit Jahren schon, mit wechselnden Sprecherinnen und Sprechern, um die Realisation von Texten der Stuttgarter Gruppe intensiv bemüht. Mit auch Hamburger, Pariser, Grazer Auftritten, wie ich im Hinblick auf das Kapitel "Orte, Örter" hinzufüge.

Notabene
Es muß leider angemerkt werden, daß viele dieser Veranstaltungen, darunter die letztjährigen, bisher noch nicht genannten Versuche vor allem von Buch Julius, eine Geschichte der Stuttgarter Gruppe, ihrer Beziehungen zum Spatialismus Ilse und Pierre Garniers, nach Prag oder Japan, zu Gertrude Stein oder Mallarmé oder Chlebnikov undsoweiter zu schreiben, von der Stuttgarter Presse und damit auch der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurden. Wenn überhaupt, erschienen Kritiken oft nur in Tageszeitungen in Böblingen oder Esslingen, auch mal im Börsenblatt oder, besonders kraß, sogar in Japan (Shun Suzuki: Doitsu renshi notsudoi ni sanka shite. Hana 9, 1995, S. 42f.). Es ist dies ein seit den 60er Jahren wohlvertrautes Phänomen, gegen das beim Möchtegernpartner der Welt mit kulturellem Kurzzeitgedächtnis kein Kraut gewachsen scheint. Johannes Auer und Döhl haben deshalb begonnen, unter dem Verzeichnis "Als Stuttgart Schule machte" peu à peu einschlägige Texte und Kommentare ins Internet zu stellen und so schwer Zugängliches, auch Unveröffentlichtes aus und zu der Stuttgarter Gruppe/ Schule international zugänglich zu machen. Und sie würden sich natürlich über jeden hier einschlägigen Beitrag freuen.
Bense hat Stuttgart den Ort seiner Füße genannt, Döhl seinen "Stuttgart Prospekt" längst abgeschlossen. Heißenbüttel hätte wahrscheinlich angemerkt: "Mehr ist dazu nicht zu sagen". Ich zitiere aber ein letztes Mal Max Bense mit einem Text, den er 1962 dem "Unendlichen Calender" beisteuerte:
"Ein einziger Tag ohne Unterdrückung, ohne Macht, ohne Kompromiß, ohne Vorsicht, ohne Übertretung, ohne Hintergedanke, ohne Liquidation, ohne Klasse, ohne Gesellschaft, ohne Verwandte, ohne Nachbarschaft, ohne Beziehung, ohne Betroffenheit, ohne Einbezug, ohne Verräterei, ohne Sinn, ohne Funktion, ohne Absicht, ohne Umschweif, ohne Anfälligkeit, ohne Vermutung, ohne Anwiderung, ohne Hoffnung, ohne Erlaß, ohne Aufschub, ohne alle anderen, in einem abgestorbenen Staat, einer toten Sprache überlassen, ohne Bedarf an Freiheit, um zu sehen was noch und wie, - das könnte ein Rosenmontag sein."


[Wilhelmspalais 8.12.1997]