Konkrete Dichter und Japan

von Hiroo Kamimura (Fukuoka)


Was zunächst den Titel meines Referates betrifft, bin ich Ihnen wohl einige Erklärungen schuldig. Er heißt "Konkrete Dichter und Japan". Mit konkreten Dichtern sind hier diejenigen gemeint, die sich mit der Konkreten Poesie beschäftigen. Daher handelt es sich zu allererst darum zu klären, was die Konkrete Poesie eigentlich ist. Aber der Versuch, in der zur Verfügung stehenden kurzen Zeit den Begriff, die Entwicklungsphasen und die verschiedenen Aspekte zu umreißen, ist durchaus problematisch. Denn während Eugen Gomringer z. B. den Terminus Konkrete Poesie in Analogie zur Konkreten Kunst verwendet hat, übertrug der schwedische Dichter Öyvind Fahlström, der im Jahre 1953 völlig unabhängig von Gomringer das Manifest für Konkrete Poesie schrieb, den Begriff vielmehr in Anknüpfung an die Konkrete Musik auf seine Poesie. Während Gomringer seinen Text als "Konstellation" bezeichnet und dessen visuelle und strukturelle Arrangements mit einem Wort bzw. wenigen Wörtern realisiert, konzipiert die Noigandres-Gruppe in Brasilien ihren Text mehr als Ideogramm, indem sie das Wort und die Sprache als die dreidimensionale, nämlich die verbale, vokale und visuelle Materialität anerkennt. Und einer der japanischen konkreten Dichter, Katsue Kitasono, ist dagegen seit Jahren vor allem an Plastischer Poesie bzw. Photo-Poesie interessiert. Darum müssen wir uns vorläufig mit der folgenden Formulierung Eugen Gomringers begnügen: "Konkrete Dichtung ist heute der Überbegriff für eine große Zahl von dichterisch-linguistischen Versuchen, deren Merkmal eine bewußte Beobachtung des Materials und seiner Struktur ist: das Material als Summe aller Zeichen, mit denen wir dichten." (1)

Grob gesagt, darf man in der Konkreten Poesie drei Tendenzen erkennen: visuelle Texte, akustische Texte und Lesetexte. Allerdings darf man dabei nicht übersehen, daß sie nicht immer in reiner Form, sondern in Mischformen realisiert und präsentiert werden. Die Ansätze zur Konkreten Poesie lagen übrigens, wenn man von ihrer Vorgeschichte absieht, im Anfang der 50er Jahre.

Nun stellt sich eine zweite Frage, wer eigentlich mit den deutschsprachigen konkreten Dichtern gemeint ist. In einer kleinen Anthologie von Eugen Gomringer, deren Titel "Konkrete Poesie. Deutschsprachige Autoren" heißt und die 1972 in Stuttgart erschien, stehen 17 Autoren und ihre Texte; es sind Friedrich Achleitner, Max Bense, Claus Bremer, Reinhard Döhl, Heinz Gappmayr, Eugen Gomringer, Helmut Heißenbüttel, Ernst Jandl, Kurt Marti, Hansjörg Mayer, Franz Mon, Diter Rot, Gerhard Rühm, Konrad-Balder Schäuffelen, André Thomkins, Timm Ulrichs und Wolf Wezel. Wenn man davon absieht, ob eine solche Auswahl sich überhaupt einwandfrei bestätigen läßt, kann man sich einigermaßen eine Vorstellung von deutschsprachigen Dichtern der Konkreten Poesie machen. Unter solchen Voraussetzungen möchte ich mein Thema "Konkrete Dichter und ihre Rezeption in Japan" betrachten. Dabei geht es vor allem darum, wer unter ihnen bei uns rezipiert wurde, wann das war, von wem und wie sie aufgenommen worden sind.

Chronologisch gesehen, hat die Rezeptionsgeschichte mit der internationalen Ausstellung für Konkrete Poesie 1964 in Tokyo begonnen. Soviel ich weiß, hatten solche Ausstellungen früher nur einmal bei uns stattgefunden. Das war 1961 in Tokyo, aber diese war nur für die brasilianische Gruppe Noigandres. In dem Sinne "international", der für die Konkrete Poesie kennzeichnend ist, waren die Wirkungen der ersteren zweifellos viel größer. Obwohl sie nur drei Tage dauerte, fanden in ihrem Verlauf Dichtervorlesungen, Sounddemonstrationen, ein kleines Symposium und nicht zuletzt ein Vortrag eines deutschen Lektors über die Konkrete Poesie in Deutschland statt. Zu den insgesamt 28 Ausstellern zählten 13 aus Brasilien, 5 aus Japan, einer aus Frankreich und 9 aus dem deutschsprachigen Bereich: Claus Bremer, Max Bense, Reinhard Döhl, Eugen Gomringer, Hans Grosch, Ludwig Harig, Helmut Heißenbüttel, Hans G. Helms und Elisabeth Walther. Leider habe ich keine Daten bei mir, wie diese Ausstellung das japanische Publikum beeinflußte, aber ich möchte ausdrücklich betonen, daß sie von japanischen Avantgardisten mit großer Sympathie aufgenommen wurde. Denn bei uns hatte die literarische Erneuerungstendenz damals bereits ganz unabhängig von der europäischen und brasilianischen Bewegung begonnen. Zwei bedeutende Dichter muß ich hier angeben. Der eine ist Katsue Kitasono und der andere Seiichi Niikuni. Kitasono hat sich seit 1927 ausschließlich mit dem Konnex von Wörtern beschäftigt, aber seine Sprachtechnik zeigte im ganzen noch einen starken Hang zum Surrealismus. Gegen Ende 1950 hat er seine Sprachreflexion noch weiter Vertieft und eine eigentümliche, sprachliche Eigenwelt präsentiert. Auf der anderen Seite ist Niikuni, 20 Jahre jünger als Kitasono, noch einen Schritt weiter gegangen, indem er 1963 seinen ersten Gedichtband "Zero-0n" (Null-Laut) in Tokyo veröffentlichte. Denn dieser Band, der sich aus zwei Teilen zusammensetzt, enthält als erster visuelle und akustische Texte. In den ersteren versuchte er, die Symbolhaftigkeit eines chinesischen Zeichens (Kanji) als kleinste Einheit aufzufassen und es flächig zu arrangieren und in den letzteren aufgrund eines phonetischen Elements der Sprache Konnex von Wörtern bzw. Phonemen zu produzieren. Offensichtlich waren unsere beiden Dichter an der Sprache als Material und deren Realität sehr interessiert, und in dieser Hinsicht hat ihnen die internationale Ausstellung 1964 sowohl Anregung zur Weiterentwicklung ihrer Texte als auch Anlaß zur internationalen Gemeinschaft der konkreten Dichter gegeben. Im Gespräch mit einem Kollegen sagte Niikuni retrospektiv von der damaligen Ausstellung, er habe zum ersten Mal von Max Bense, Helmut Heißenbüttel und der sogenannten Stuttgarter Gruppe gehört. Aus diesem Anlaß habe der Austausch der Zeitschriften "ASA", von Niikuni herausgegeben, und "rot", von Max Bense und Elisabeth Walther herausgegeben, angefangen. (2)

Bezüglich der Ausstellung 1964 und vor allem der deutschen Konkreten Poesie darf man auch die Rolle eines deutschen Lektors namens Dr. Manfred Link nicht vergessen, weil er während der Ausstellungssession einen Vortrag über Konkrete Poesie in Deutschland einerseits hielt und andererseits einen Beitrag darüber für eine Zeitschrift (SAC Journal, Juni 1964) schrieb. Meines Wissens waren dies die ersten Berichte, die uns die deutsche Konkrete Poesie zugänglich machten. Dr. Link schrieb darin unter anderen über die Bedeutung des Epithetons "konkret", den Begriff der Konkreten Poesie, ihre Entstehungsgeschichte, ihre Rolle in der gegenwärtigen Literatur und Zivilisation, ihre theoretische Grundsätze und Skizze der deutschen Hauptvertreter. Besonders wichtig war, daß die Theorie von Max Bense, also seine Theorie der Texte erklärt und vorgestellt wurden. Dadurch wurde nun den japanischen Avantgardisten klar, daß Stuttgart ein Zentrum der Konkreten Poesie in Deutschland und Max Bense ein bedeutender Theoretiker dieser Bewegung sei.

Aus Anlaß der internationalen Ausstellung 1964 hat Niikuni mit seiner Gruppe "ASA" immer aktiver, immer weiter seine Arbeit entwickelt, und wird nunmehr für einen vertretenden Autor in diesem Bereich gehalten. In diesem Sinne bilden seine Tätigkeit und die der ASA-Gruppe, so würde man sagen, ohne weiteres eine
Rezeptionsgeschichte der Konkreten Poesie in Japan, die ich Ihnen nun, besonders in bezug auf die deutschsprachigen Autoren, kurz darstellen möchte.

Die Tätigkeit der ASA-Gruppe ist in drei Richtungen getrieben worden. Erstens, Veröffentlichung der Zeitschrift "ASA", die seit Begründung der Gruppe, also dem April 1964, bereits 7 Bände zählt, zweitens Veranstaltung von Ausstellungen, die seit 1966 siebenmal stattgefunden haben und drittens eine monatliche Versammlung der Gruppe, in der einer, sei es ein Mitglied, sei es ein anderer, ein Referat über ein bestimmtes Thema hält und alle Teilnehmer nachher darüber diskutieren. Wegen der knappen Zeit möchte ich meine Darstellung nur auf die ersten beiden Punkte beschränken und nur tabellarisch aufzählen.

Im 2. Band der "ASA" (1966) wurden zwei Aufsätze von Max Bense "Konkrete Poesie" und "Theorie und Praxis der Texte" ins Japanische übersetzt und ein Text desselben Autors vorgestellt, im 3. Band (1968) ein Bericht über "Konkrete Poesie in Deutschland. Einführung in die Stuttgarter Gruppe", eine Besprechung über den Text "bedepequ" von Reinhard Döhl, Texte von Ferdinand Kriwet, Claus Bremer, Jochen Gerz, Hansjörg Mayer und Timm Ulrichs und die kurzen Kommentare darüber, im 4. Band (1970) eine Übersetzung der "Kleinen abstrakten Ästhetik" von Max Bense und Texte von Jochen Gerz, Klaus Burkhardt und Reinhard Döhl, im 5. Band (1971)Texte von Jochen Gerz und Timm Ulrichs, im 6. Band (1972) eine Übersetzung der "Poesie als Mitte1 der Umweltgestaltung" von Eugen Gomringer und Texte von Jochen Gerz, Timm Ulrichs und Siegfried J. Schmidt, und im 7. Band (1974) ein Text und ein Message von Eugen Gomringer veröffentlicht.

In den Ausstellungen andererseits, die von der ASA-Gruppe veranstaltet bzw. unterstützt wurden, hatte man die folgenden Autoren: in der Ausstellung 1966 Max Bense und Klaus Burkhardt, im Jahre 1968 in der Ausstellung für visuelle Poesie "In Concreto" Jochen Gerz, Claus Bremer, Timm Ulrichs und Hansjärg Mayer, im Jahre 1969 Jochen Gerz und Timm Ulrichs im Jahre 1970 Klaus Burkhardt und Jochen Gerz, im Jahre 1970 in der Ausstellung für "Konkrete Poesie heute" Reinhard Döhl, Hansjörg Mayer und Jochen Gerz, im Jahre l971 Jochen Gerz und Timm Ulrichs, im Jahre 1973 Jochen Gerz und Timm Ulrichs und im Jahre 1975 Timm Ulrichs.

Anhand dieser Aufzählung darf man vermuten, wem die japanischen Avantgardisten ihre Aufmerksamkeit vorwiegend schenkten, und in welcher Hinsicht die deutschen konkreten Dichter rezipiert werden. Darauf möchte ich etwas näher eingehen.

In erster Linie ist Max Bense anzugeben. Bense ist, wie schon gesagt, unseren Avantgardisten eher als bedeutender Theoretiker bekannt denn als konkreter Dichter. Besonders haben sie seine Theorie der Texte bzw. seine Informationsästhetik, die die Konkrete Poesie theoretisch begründet, für wichtig gehalten. Denn bei einer Darstellung der Texttheorie und ihrer Textästhetik geht es, wie es Bense selbst meint, "nicht nur um die analytische Beschreibung des materialen Aufbaus von Texten, sondern auch um den Entwurf von Verfahren, die ihrer synthetischen Erzeugung dienen." (3) Seine Ansicht, "den ästhetischen Zustand" eines Textes ,"als eine ästhetische Botschaft bzw. eine ästhetische Information zu definieren" (4), dann zwischen "Zeichen für etwas" (5) und "Zeichen von etwas" deutlich zu unterscheiden und bei der Konkreten Poesie die Funktion des letzteren für wichtig anzusehen, ist auch von den japanischen Avantgardisten akzeptiert worden. Der japanische Dichter und Kritiker, Toshihiko Shimizu, hat einmal Benses Theorie in der Zeitschrift SD (Space Design), H. 5, 1968 als diejenige aufgefaßt, der gemäß konkrete Texte mit Hilfe der Typographie visuell, phonetisch, semantisch realisiert werden. Was die Rezeption der Benseschen Theorie betrifft, so wäre eine These von "Tokyo manifesto for the spatialism 1968" zu nennen. Sie lautet: "Ein Wort hat eine semantische und ästhetische Information." (6). Bense spricht aber nicht nur von der Texttheorie, sondern auch von Textgraphik und Textdesign und weist darauf hin, daß man heutzutage "Werbetexte als eine neue selbständige Literaturgattung ansehen" (7) kann, so daß seine Theorie auch bei Designern, Typographen, Photographen, Malern usw. Anklang fand. Nur ein Beispiel möchte ich hier anführen. 1972 wurde das Referat "Von der Beziehung zwischen Typographie und Konkreter Poesie" in einer Tagung der Japanischen Gesellschaft für Design in Tokyo gehalten. Der Referent, Shin'ichi Seki, war eine Zeitlang Mitglied der ASA-Gruppe. Dabei war die Rede davon, wie Typographie und Konkrete Poesie in enger Beziehung zueinander stehen, wobei sowohl die Bensesche Theorie als auch die Manifeste von Gomringer oft zitiert wurden.

Aber trotz der allgemeinen Zustimmung gibt es auch negative Stellungnahmen hinsichtlich Benses. Niikuni ist z.B. der Meinung, daß Bense allzusehr an den Fortschritt der Zivilisation glaube und in dieser Hinsicht zu optimistisch sei. Diese solle heute im technischen Zeitalter vielmehr ein Gegenstand der Kritik sein, sonst könnten ihre negativen Seiten nie überwunden werden. (8)

In zweiter Linie ist Eugen Gomringer zu nennen. Er ist den japanischen Avantgardisten besonders dadurch bekannt, daß er einerseits den Begriff Konkrete Poesie unter Zustimmung des brasilianischen Dichters Decio Pignatari zum ersten Mal auf Literatur verwendet und andererseits seine Texte "Konstellationen" und Manifest "Vom Vers zur Konstellation" veröffentlicht hat. Wenn man von der Konkreten Poesie bzw. von ihrer Entstehungsgeschichte spricht, sind einige seiner Texte und sein Gestaltungsprinzip stets angeführt worden. Gomringer schreibt: "Der heutige Mensch will rasch verstehen und rasch verstanden werden" und "unsere Sprachen befinden sich auf dem Weg der formalen Vereinfachung. Es bilden sich reduzierte, knappe Formen." (9) Ferner, "die Konstellation ist die einfachste Gestaltungsmöglichkeit der auf dem Wort beruhenden Dichtung. Sie umfaßt eine Gruppe von Worten - wie sie eine Gruppe von Sternen umfaßt und zum Sternbild wird." (10)
Solch ein Aufbauprinzip der Konstellation und die schnelle Kommunikation einer ästhetischen Realität sind von japanischen konkreten Autoren, besonders von Niikuni, ohne weiteres akzeptiert worden. Die 10. und 13. These im "ASA-Manifest 1973" sind offensichtlich bei Gomringer entnommen. Die 10. lautet: "Ein Text ist ein Weg zur Kommunikation blitzschnellen Verständnisses" und die 13.: "Ein Text soll als Mittel der Umweltgestaltung produziert werden." (11) Die unmittelbarste Wirkung auf die letztere These ersieht man zweifellos aus seiner "Poesie als Mittel der Umweltgestaltung". In bezug darauf möchte ich noch darüber hinaus hinzufügen, daß man Gomringer bei uns für einen Dichter, der die Idee des Bauhauses fortführt, hält. Darauf haben Niikuni in einem Aufsatz über die Konkrete Poesie (Kindai Kenchiku, Bd. 25, H. 11, 1971) und ich selbst auch in dem Nachwort der Übersetzung der obengenannten Poetik Gomringers hingewiesen.

Allerdings unterzieht sich Gomringer auch der Kritik unserer Avantgardisten in der Hinsicht, daß seine Zivilisationsanschauung doch ebenso optimistisch und rational ist wie die von Bense. Hierin findet man vielleicht einen Unterschied der Nationalität bzw.des geistigen Klimas in beiden Ländern.

Abgesehen von diesen beiden, werden andere Dichter aus dem deutschen Sprachraum von unseren Avantgardisten weitaus weniger erwähnt. Der eine Grund dafür liegt doch im Unterschied der Sprachen. Obwohl die Konkrete Poesie eigentlich die Sprachen nicht trennt, sondern vielmehr vereinigt, gilt dies nur für visuelle und akustische Texte, aber nicht für Lesetexte, die für Heißenbüttel z.B. kennzeichnend sind, von theoretischen Texten ganz zu schweigen. Um die Lesetexte, denen die eigentümliche Kombinatorik wie Sprachmontage, Wortwitz, Tautologismen usw. zugrunde liegen, besser zu verstehen, bedarf es doch nämlich der Übersetzung. Das gilt auch für Franz Mon.

Es ist vielleicht bemerkenswert, daß Heißenbüttel seit einigen Jahren von mehreren Germanisten als Forschungsthema gewählt wird. Bisher sind vier wissenschaftliche Aufsätze über Heißenbüttel veröffentlicht worden. Diese versuchen alle, Wesenszüge seiner literarischen Theorie zu analysieren und erklären.

In den letzten Jahren ist die Konkrete Poesie wesentlich differenzierter geworden. Es ist wohlbekannt, daß als die internationale Ausstellung 1970/71 in Amsterdam stattfand, bereits eine Wendung eingetreten war. Der Titel des Ausstellungskatalogs hieß: "Akustische Texte, ? Konkrete Poesie, Visuelle Texte". Interessanterweise steht ein Fragezeichen dem Titel "Konkrete Poesie" voran. Damals wurde schon eine ganze Menge experimentelle visuelle Texte zur Schau gestellt, in denen das Wort und die Sprache nur ein Mittel zur anderen Gestaltung waren, und es an Auffassungen zur verbal-vokal-visuellen Materialität der Sprache fehlte. Heute spricht man von einem Wandel von der visuellen zur visiblen Poesie, wobei man zwischen Poesie und Kunst nicht mehr genau unterscheiden kann. Dementsprechend wurde ein Beitrag "Experimente in der visuellen Poesie. Von ihrer geschichtlichen Wandlung und ihrer neuen Phase" in der Zeitschrift für Kunst "Mizue", Bd. 843, 1975 veröffentlicht. Um eines historischen Überblicks willen wurden allerdings Texte Von Max Bense, Eugen Gomringer, Hansjörg Mayer und Theorie von Bense, Manifest von Gomringer und ein typographisches Gestaltungsprinzip Hansjörg Mayers immer noch erwähnt, aber es sind Jochen Gerz, Ferdinand Kriwet, Klaus Peter Dencker, Carlfriedrich Claus und Heinz Gappmayr, die als repräsentative Autoren der visuellen Poesie in den Vordergrund treten. Der Verfasser des Beitrags, Shimizu, ist der Ansicht, daß die Konkrete Poesie bereits an ihr Ende gelangt sei.

Es ist charakteristisch, daß die Konkrete Poesie bei uns von Designern, Typographen, Kalligraphen, Malern, Linguisten rezipiert worden ist, aber von nur wenigen Dichtern im traditionellen Sinne. Sehr oft wurde gesagt, daß sie, besonders als visueller Text, keine Poesie mehr, sondern abbildende Kunst sei. Und Berichte und Aufsätze über Konkrete Poesie werden, die ASA und VOU ausgenommen, ausschließlich in Zeitschriften für Kunst, Architektur und Design veröffentlicht. Das bedeutet, daß deren Herausgeber ebenfalls die Konkrete Poesie als eine Art Design, Bild- und Photokunst betrachten, was ihre Wesenszüge sehr deutlich zeigt. Denn in dem Manifest der Stuttgarter Gruppe "Zur Lage" steht schon: "Das Feld der Poesie ist weiter geworden in dem Maße, wie unsere Augen und Ohren empfindlicher wurden für mikroästhetische Strukturen und Differenzierungen" und "zur Realisation ästhetischer Gebilde bedarf es des Autors und des Druckers und des Ma1ers und des Musikers und des Übersetzers und des Technikers und Programmierers." (12) Heißenbüttel bezeichnet auch diese Tendenz als den "Drang zur Grenzverwischung". (13) Mit der Konkreten Poesie ist eben eine neue literarische bzw. Kunstgattung entstanden, also eine Interkunst. Bei der Betrachtung von Bildtexten der Konkreten Poesie fühlt man sich stets eher mit Interkunst konfrontiert, als mit Poesie bzw. Literatur.

Zum Schluß möchte ich vom literarischen Standpunkt aus noch einige Bemerkungen über die Konkrete Poesie machen. Zuweilen wird sie als Nonsensvers oder abstrakte Dichtung aufgefaßt. Ein Beispiel für das erstere findet man in dem Buch "Porträts der Nonsensdichter" von Suehiro Tanemura. Darin behandelt er verschiedene Merkmale Der Nonsensverse geschichtlich, die z. B. in Form von Worträtsel, Wortspiel, Parodie, Satire, schwarzem Humor und Ironie zum Ausdruck kommen. Hier werden auch Beispiele und Bemerkungen von Ernst Jandl, Helmut Heißenbüttel, Franz Mon, Gerhard Rühm und H.C. Artmann zitiert. Obwohl er niemals von der Konkreten Poesie spricht, nimmt der Verfasser doch offenbar eine positive Stellung dazu ein.

Als ein anderes Beispiel wäre eine Übersetzung des Buches von Rudolf Maier "Paradies der Weltlosigkeit. Untersuchungen zur abstrakten Dichtung seit 1909ä"zu nennen. Wie wohlbekannt, übt Maier eine scharfe Kritik an der Konkreten Poesie. Solch einer Kritik sind eine ganze Reihe Texte der obengenannten konkreten Dichter ausgesetzt. Wenn eine solche negative Stellungnahme des Verfassers direkt vom japanischen Publikum anerkannt würde, dann bedeutete dies, daß die Konkrete Poesie bei uns negativ bewertet wäre. Aber es handelt sich doch darum, ob man sie einseitig als "das Unheile", wie Maier meint, bezeichnen darf, ob es "jene Kunst, die unbeschadet des Wandels in ihren Formen durch alle Zeiten hin Gültigkeit besitzt" (14), überhaupt gebe und ob eine solche Kunst "Maß" im Maierschen Sinne sein müsse. Ich selbst neige dazu, der Meinung Heißenbüttels zuzustimmen: "Es gibt keine Regeln. Es gibt nur Tendenzen." (15) Im Zusammenhang mit diesem Symposium möchte ich Heißenbüttels Worte folgenderweise umschreiben: In der Literatur gibt es eigentlich keine Norm. Es gibt nur Kreation.

Anmerkungen

1. Gomringer, Eugen: 33 Konstellationen. St. Gallen 1960.
2. ASA 7 (1974), S. 95.
3. Bense, Max: Einführung in die informationstheoretische Ästhetik. Grundlegung und Anwendung in der Texttheorie. Reinbek bei Hamburg 1969. S. 75.
4. ibid., S. 105.
5. Bense, Max: Aesthetica. Einführung in die neue Aesthetik. Baden-Baden 1965. S. 49.
6. ASA 3 (1968), S. 1.
7. Bense: Einführung in die informationstheoretische Ästhetik. SW. 127 f.
8. ASA 7, 5. 106.
9. Gomringer, Eugen: Worte sind Schatten. Die Konstellationen 1951 bis 1968. Reinbek bei Hamburg 1969. S. 277.
10. ibid., S. 280.
11. ASA 7, S. 1.
12. Manuskripte. Zeitschrift für Literatur, Kunst, Kritik. Jg. 5, H. 1, März 1965. Graz. S. 2.
13. Heißenbüttel, Helmut: Über Literatur. Olten 1966. S. 82.
14. Maier, Rudolf N.: Paradies der Weltlosigkeit. Untersuchungen zur abstrakten Dichtung seit 1909. Stuttgart l964. S. 5.
15. Heißenbüttel: ibid., S. 139.

Ausgewählte Bibliographie

I. Deutungen, Aufsätze, Besprechungen
1) Fujitomi, Yasuo: Ein poetisches Fragment. ASA 1, 1965, S. 5-7.
2) Fujitomi, Yasuo: Über Texte von Seiichi Niikuni. ASA 5, 1971, S. 62-67.
13.) Fujitomi, Yasuo/Seiichi Niikuni: Was haben wir in den letzten 10 Jahren getan? Ein Zwiegespräch. ASA 7, 1974, S. 89-107.
4) Kagiya, Yukinobu: Zwischen Ausdruck und Repräsentation. ASA 7, 1974, S. 44-47.
5) Kamimura, Hiroo: Konkrete Poesie in Deutschland. Einführung in die sogenannte Stuttgarter Gruppe. ASA 3, 1968, S. 38-48.
6) Kamimura, Hiroo: Über "bedepequ" von Reinhard Döhl. ASA 3, 1968, S. 60.
7) Kamimura, Hiroo: Experimentelle Dichtung heute. Eugen Gomringer und Konkrete Poesie. Die deutsche Literatur (Kansai Univ.) 16, 1971, S. 241-263.
8) Kamimura, Hiroo: Die Autonomität eines poetischen Sprachraums. Die poeto-linguistische Theorie von Helmut Heißenbüttel. Doitsu Bungaku, H. 54, Frühling 1975, S. 44-52.
9) Kaneko, Tohru: Form und Implikat eines konkreten Textes. Doitsu Bungaku, H. 48, Frühling 1972, S. 78-89.
10) Link, Manfred: Was will die "konkrete Poesie" in Deutschland? Übersetzt von Prof. Masami Yoshida. SAC Journal. Sonderheft über Konkrete Poesie. 1964, S. 3-6.
11) Miki, Tamon: Konkrete Poesie und ihre Umgebung. Geijutsu Seikatsu, H. 4, 1970, S. 98-99.
12) Miura, Hideharu: Reflexion auf die Objektivierung der Sprache. ASA 5, 1971, S. 8-16.
13) Mukai, Shutaro: Konkrete Poesie. Ihre Quelle und Beziehung zu Japan. Graphic Design, Bd. 52, 1973/74, S. 55-62.
14) Mukai, Shutaro: Zwischen Sprache und Gestaltung. ASA 7, 1974, S. 76-79.
15) Niikuni, Seiichi: Poetik für visuelle und phonetische Poesie. ASA 1, 1965, S. 1-4.
16) Niikuni, Seiichi: Das dritte Manifest für den Spatialismus. ASA 2, 1966, S. 4-7.
17) Niikuni, Seiichi: Erläuterung des dritten Manifests für den Spatialismus. ASA 2, 1966, S. 8-9.
18) Niikuni, Seiichi: Visuelle Poesie. Nanboku 9, 1968, S. 116-119.
19) Niikuni, Seiichi: Tokyo manifesto for the spatialism: 1968. ASA 3, 1968, S. 1-2.
20) Niikuni, Seiichi: Memorandum of tokyo manifesto for the spatialism: 1968. ASA 3, 1968, S. 3-5.
21) Niikuni, Seiichi: Tokyo manifesto for the spatialism 1968. SD (Space Design), H. 9, 1968, S. 92-93.
22) Niikuni, Seiichi: Über Texte von Claus Bremer, Jochen Gerz, Hansjörg Mayer und Timm Ulrichs. ASA 3, 1968, S. 26, 28-29, 30.
23) Niikuni, Seiichi: Autonome Sprache. Geijutsu Seikatsu, H. 4, 1970, S. 93-97.
24) Niikuni, Seiichi: An einem Wendepunkt. ASA 5, 1971, S. 3-6.
25) Niikuni, Seiichi: Konkrete Poesie? Ein neuer Versuch der visuellen Poesie. Bijutsu Techo, H. 2, 1971, S. 22-23.
26) Niikuni, Seiichi: Gestaltpoesie. Konkrete Poesie. Kindai Kenchiku, Bd. 25, H. 11, 1971, S. 57-60.
27) Niikuni, Seiichi: Sprache und Photo in einem Gedicht. ASA 6, 1972, S. 20-23.
28) Niikuni, Seiichi: Konkrete Poesie. Gengo, Bd. 2, H. 7, 1973, S. 35-37.
29> Niikuni, Seiichi/Taro Naka: Über Konkrete Poesie. Ein Zwiegespräch. ASA 7, 1974, S. 3-13.
30) Niikuni, Seiichi/Yasuo Fujitomi: Was haben wir in den letzten 10 Jahren getan? (siehe unter Nr. 3).
31) Shimizu, Toshihiko: Dada und Avantgardismus heute. ASA 1, 1965, S. 27-31.
32) Shimizu, Toshihiko: Dada. Konkrete Poesie. Moderne Kunst. SD, H 5, 1968, S. 35-36.
33) Shimizu, Toshihiko: Sprache und zeitgenössische Kunst. ASA 7, 1974, S. 69-75.
34) Shimizu, Toshihiko: Visuelle Poesie. Von ihrer geschichtlichen Wandlung und ihrer neuen Phase. Mizue, Bd. 843, 1975, S. 5-45.
35) Suzaki, Keizo: Rückführung und Rückbesinnung der Sprache auf sich selbst. Einige Bemerkungen über poetologische Essays von Peter Handke und Helmut Heißenbüttel. Doku-Futsu Bungaku Kenkyu (Kyushu Univ.) 24, 1974, S. 87-99.
36) Suzaki, Keizo: Antigrammatische Literatur. Einige Bemerkungen über die Poetik von Helmut Heißenbüttel. Gengo Kenkyu (Kyushu Univ.)l0, 1974, S. 21-34.
37) Tanahashi, Kazuo: Reduktion in den "Gedichten" Helmut Heißenbüttel. Doitsu Bungaku, H, 51, Frühling 1973, S. 67-77.
38) Tanemura, Suehiro: Porträts der Nonsensdichter. Tokyo 1968. 315 S.

II. Referate

1) Seki, Shin'ichi: Von der Beziehung zwischen Typographie und Konkreter Poesie. Gehalten auf einer Tagung der Japanischen Gesellschaft für Design 1972 in Tokyo.
2) Suzaki, Keizo: Poetologische Essays von Helmut Heißenbüttel. Gehalten auf einer Tagung der Japanischen Gesellschaft für Germanistik, Bezirk Westjapan, 1974 in Kumamoto.

III. Übersetzungen

1) Bense, Max: Konkrete Poesie. Übersetzt von Taro Nomura. ASA 2, 1966, S. 27.
2) Bense, Max: Theorie und Praxis der Texte. Übersetzt von Toshihiko Shimizu. ASA 2, 1966, S. 28-32.
3) Bense, Max: Kleine abstrakte Ästhetik. Übersetzt von Hiroo Kamimura. ASA 4, 1970, S. 48-63.
4) Gomringer, Eugen: Poesie als Mittel der Umweltgestaltung. Ubersetzt und mit einem Nachwort versehen von Hiroo Kamimura. ASA 6, 1972, S. 3-18.
5) Heißenbüttel, Helmut: "Lehrgedicht über Geschichte 1954" und "Etwa ein Ping-Pong-Ball oder eine Billardkugel". Übersetzt von Osamu Nomura. Moderne deutsche Gedichte. Tokyo 1965, S. 60-64.
6) Heißenbüttel, Helmut: Voraussetzungen. Übersetzt von Michio Naito. Theorie der modernen deutschen Lyrik. Hrsg. v. Jiro Kawamura. Tokyo 1966, 1970, S. 154-158.
7) Heißenbüttel, Helmut: Voraussetzungen. Übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Hiroo Kamimura. Kage 14, 1972. S. 56-62.
8) Maier, Rudolf: Paradies der Weltlosigkeit. Untersuchungen zur abstrakten Dichtung seit 1909. Übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Yoshitake Hongo. Tokyo 1971, 329 5.
9) Mon, Franz: Über Konkrete Poesie. Übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Hiroo Kamimura. Kage 15, 1973, S. 34-41.