Noigandres-Gruppe | Texttheorie


von Max Bense

Der Arbeitskreis "Geistiges Frankreich" des Studium Generale an der Technischen Hochschule in Stuttgart widmete im Wintersemester 1959/60 einen Abend der brasilianischen Noigandres-Gruppe und veranstaltete dazu im Rahmen der neu begründeten "Studien-Galerie" im Studium Genrale eine Ausstellung, "konkrete texte", die Traditionen und Varianten, Grundlagen und Möglichkeiten dieser Richtung aufzeigen wollte. Es ist dies zugleich der erste Beleg für das virulente Interesse der Stuttgarter Gruppe/Schule an konkreter Poesie. Der kleine Katalog enthielt u.a. zwei kurze, ungezeichnete Hinweise von Max Bense auf die Noigandres-Gruppe, ihr internationales Umfeld sowie auf seine Texttheorie.

Noigandres-Gruppe

Die Noigandres-Gruppe in Sao Paulo vertritt heute am nachdrücklichsten das Prinzip der "Konkreten Dichtung", die, das pure Laut- und Wort-Material der Sprache benutzend, dieses in unmittelbare ästhetische Beziehung zur Druckfläche setzt. Die Gruppe, der Augusto de Campos, Haralde de Campos, Décio Pignatari und Ronaldo Azeredo angehören, setzt sich mit eigenen Zeitschriften, Büchern und in der südamerikanischen Presse immer stärker durch. In Deutschland haben vor allem Eugen Gomringer (mit seinen "Konstellationen" und in seiner Zeitschrift "Spirale") und, wenn oft auch nur in Annäherung, Helmut Heissenbüttel (mit den "Kombinationen" und den "Topographien") und in Österreich etwa Gerhard Rühm (Ausstellung in der Galerie Würthle, Wien, 1959) diese Methode konkreter Textbildung eingeführt, durch Hinweise und durch Schöpfungen. Neuerdings auch Bazon Brock, der junge Ferdinand Kriwet und Franz Mon, dessen Buch "Artikulationen" soeben erschien. Die Münchener Zeitschrift "Nota" hat die südamerikanische Gruppe zuerst in größerem Zusammenhang gedruckt. Die Zeitschrift "Augenblick", die mehrfach auf Gertrude Stein hingewiesen hat, hat die Rolle der "Konkreten Dichtung" im Zusammenhang mit der neueren Statistischen Ästhetik und Texttheorie hervorgehoben und ihren Zusammenhang mit humanen oder maschinellen, stochastischen Textmodellen und Textapproximationen (Shannon) betont. Natürlich bestehen Beziehungen zur "Konkreten Malerei" (Mondrian, Bill), die auch in Sao Paulo im Umkreis der Noigandres-Gruppe gepflegt wird. Allerdings ist die Affinität zur Musique concrete wesentlich geringer. Gemeinsam bleibt aber immer die Betonung der materialen Natur der ästhetischen Realisation gegenüber der phänomenalen Funktion und Auslegung.

Texttheorie

"Damit ein Text auf keine Weise vorgeben kann, Rechenschaft von einer realität der konkreten (oder spirituellen) Welt zu geben, muß er zunächst die Realität seiner eigenen Welt erreichen, diejenige der Text". F. Ponge.

Man macht etwas in der Sprache, man sollte etwas mit der Sprache machen. Prosa und Poesie sind Begriffe, die etwas bezeichnen, was in der Sprache gemacht werden kann, wenn sie schon fertig vorliegt, ihre Formen bekannt und gegeben sind, gebraucht und verbraucht werden dürfen. Text ist etwas, was mit der Sprache, also aus Sprache gemacht wird, sie aber zugleich verändert, vermehrt, vervollkommnet, stört oder reduziert.

Was in der Sprache gemacht wird, hat eine semantische Bedeutung, Prosa und Poesie; was mit der Sprache gemacht wird, Text, hat eine statistische Bedeutung. Wenn aber der ästhetische Prozeß ein statistischer Prozeß ist, der zur besonderen Klasse der Information, der ästhetischen Information führt, dann hat das, was wir Text nennen, bereits die Chance, ein ästhetisches Gebilde zu sein. Immer ist die statistische Textmaterialität die Voraussetzung einer ästhetischen Textphänomenalität.

Die Schöpfung eines Kunstwerks, auch sein Verständnis, ist in extremen Fällen ein strategisches Spiel gegen sich selbst, es kann zweifellos mit einer Desavouierung enden. Die Rigorosität des Kunstwerks ist bekannt; das Sein, von dem es spricht kann anders nicht wahrnehmbar werden und Geltung erlangen. Jeder Text klassifiziert mit seiner Entstehung zugleich auch einen Abfall an Sprache. Er sagt, was in Bezug auf eine gewisse Art ästhetischer Realisation ausgeschieden werden kann. Ein Text bringt also ein deklassierendes Prinzip in die Sprache, ohne das von einer bewertenden, also ästhetischen Realisation innerhalb des Textes keine Rede sein könnte.

Logisch nennen wir den Prozeß, der das Wahrscheinliche, Gewohnte, Nichtüberraschende differenziert; ästhetisch nennen wir den Prozeß, der das Unwahrscheinliche, Ungewohnte, Oberraschende differenziert. Das Wahrscheinliche, Gewohnte, Nichtüberraschende differenziert, ergibt das Wahre oder das Falsche.

Das Unwahrscheinliche, Ungewohnte, Überraschende differenziert, ergibt die Unterscheidung zwischen dem, was wir summerisch schön und nichtschön nennen.

Es ist nicht möglich, die Schönheit eines Textes so deutlich zu identifizieren wie seine Wahrheit Sie kann nicht durch eine Widerspruchsfreiheit bewiesen und nicht durch eine Übereinstimmung verifiziert werden; die offene Matrix der ästhetischen Werte, die sich in den vagen Begriffen Schönheit und Nichtschönheit verbergen und die Indefinitheit des ästhetischen Prozesses verhindern es. Nur die singuläre Identifikation einer ästhetischen Information als das, was sie ist, ist möglich, und das, was sie ist, ist das, worin sie sich unterscheidet, nicht mehr und nicht weniger, also pure Innovation, pure Originalität, statistische Novität.