Engagement und Experiment


von Max Bense



Meine Damen und Herren, es ist schön, daß es Menschen gibt, die sich für Literatur interessieren und sogar Anteil nehmen an dieser Art Literatur, die es hier zu hören geben wird. Denn man erwartet ja im allgemeinen hierzulande nicht, daß es eine ausgeprägte literarische Gesellschaft gebe und selbst das bescheidene Talent, Publikum sein zu können, ist bei uns ja nicht sonderlich entwickelt.

Die Tradition der Vorurteile, der Sinn für Saturierung, für Konfektion und Konfession, für Bestsellerei und Konformismus, kurz für Bücherschrankliteratur war ja schon immer stärker als das Interesse am geistigen Gebrauch der Literatur, besonders, wenn dieser ihren progressiven Begriff einschließt und sich auf Engagement und Experiment konzentriert.

Sich durch Schreiben engagieren heißt: Mit Schreiben existieren, schreibend existieren, also einen humanen Gebrauch vom Schreiben und vom Geschriebenen machen und nicht anders können, demnach menschliche Realität, individuelle und gesellschaftliche - in beiden Fällen handelt es sich um Realität des Bewußtseins - zu bestätigen oder zu verändern, und wir wissen es seit langem: die Veränderung des menschlichen Bewußtseins setzt mehr und stärkeres Engagement voraus als die Bestätigung, und die Veränderung ist wichtiger als die Bestätigung, solange weder das Gefühl für Humanität noch die klare eindeutige Vorstellung von ihr zu den Erleuchtungen dieses Bewußtseins gehören.

Schreibend experimentieren heißt einen kreativen Gebrauch vom Schreiben machen, die Materialien, die Elemente, das Repertoire aus dem man schreibt, zu bereichern, neu auszunützen, subtil er auszunützen, emanzipierter auszunützen, in neuen Situationen auszunützen, um die Sprache als Ganzes sichtbar zu machen, um Sprache effektiv so zu zeigen, wie sie sich von sich selbst her zeigt und um ihre materiale zufällige historische also veränderliche Realität offenbar werden zu lassen.

Humanität und Engagement, Kreativität und Experiment wären also die Doppelkategorien, um die es schreibend zu gehen hätte, und das engagierte Schreiben macht dabei einen existenziellen und das experimentelle Schreiben einen technischen Gebrauch von der Sprache. Aber weder die existentiellen noch die technischen Momente der Sprache rechtfertigen sie als einen bloßen Zustand, sie rechtfertigen sie immer nur als einen Prozeß, denn sowohl zum Wesen des Existierens wie zum Wesen der Technik gehört der Prozeß, die Entwicklung, die neue Position, die lnnovation, der Fortschritt.

Das Bewußtsein ist also eine sprachliche Aktion, das Bewußtsein, das sich für das existenzielle Engagement und das Bewußtsein, daß sich für das kreative Experiment entscheidet und das ist keine idealistische Finesse, sondern ein realistisches Faktum, und wenn es darauf ankommt, das Bewußtsein des Menschen zu verändern, um seine Miseren aufzuheben, und die Miseren der Literatur, die Machtgier in ihr, ihre Unterdrückung, ihre Korrumpierung, ihre Reglementierung, ihre Ausbeutung gehören ja dazu, dann handelt es sich immer darum, die Sprache zu verändern, die Sprache, ihre anderen Möglichkeiten, ihre erweiterten Möglichkeiten, ihre reduzierten Möglichkeiten zu probieren und sich in ihr nicht wie in einem elfenbeinernen Turm sondern wie in einem Kontrollturm einzunisten, wie eine Formulierung heißt, die neulich gebraucht wurde.

Die Sprache besteht aus Wörtern. Wörter sind Zeichen und Zeichen, wenn sie auftreten und wahrnehmbar wurden, verändern die Situation. Die Situation vor dem Zeichen ist eine andere als die Situation nach dem Zeichen, mindestens im Prinzip (und mit dem Prinzip haben wir es hier zu tun) und so verändert jeder neue Satz, der ein Bewußtsein trifft, mindestens im Prinzip dieses Bewußtsein und jeder neue Zusammenhang von Sätzen, Wörtern, Theoremen, jedes neue Muster einer Grammatik und Syntax verändert mindestens im Prinzip auch die Welt, die wir erfahren.

Ich brauche nicht ausschließlich auf Kunstsprachen abzustellen. Die Trivialsprachen unserer Zivilisation, die inmitten der natürlichen Sprache die Grenzen zwischen grammatischen und visuellen Strategien verwischen müssen, um sich flexibel für die Anpassung in neuen Kommunikationssystemen zu halten, bedienen sich ausgiebig experimenteller und engagierender Momente, so daß man fast von ihrer progressiven Überlegenheit gegenüber den Kunstsprachen sprechen kann, oder aber, sie sind wie in der Werbetechnik fast zu Kunstsprachen geworden. Es sind Sprachen schwacher, verminderter oder aufgehobener klassischer Syntax entstanden, die den Satz zu bloßen Metaphern, zu Imperativen, zu Wortspielen, zu Konstellationen oder isolierten Wörtern zerreißen und an den Hauswänden oder an Straßenecken die gewohnte Dingwelt in längst gewohnte - in Umweltstexte - verwandeln und das linguistische Medium ebenso pragmatisch wie - ästhetisch ausdifferenzieren.

Autobahndreieck Salzgitter, nach 30 m Halt, HI - CN 214, Rauch, Diamant Zucker, Nienharz Glas seit 1891 , Parkplatz, P, Hannover E4, bitte sauber halten, Einordnen, Bauarbeiten, 30 km, 1 2500 qm Kiesschüttung, öffentliche Ausschreibung, 40 km, Ausfahrt, Ende, umstellt von Wörtern muß man ihre Forderungen beachten, wir werden zu Behaviouristen gemacht, Einordnen, Ende.

Dazu kommt, daß sich seit langem neben der horizontalen Ausbreitung und Vervielfältigung der Sprachen, neben ihrer horizontalen Linguistik, ihre vertikale, ihre Schichtung nach oben innerhalb unserer beständig sich verdichtenden Kommunikationssysteme bemerkbar machen. Über den natürlichen Umgangssprachen, die abfiltrierten Basic-Sprachen, die Terminologien und Fachsprachen, die das Vokabular auftürmen, darüber dann die weit verzweigten mathematischen oder wenigstens formalisierten Präzisionssprachen, teilbar in Objekt- und Metasprachen, darüber die hochabstrakten rein syntaktischen Zeichensprachen, die Programmiersprachen und endlich der Maschinencode, binäre Sprachsysteme einer globalen Maschinensphäre, ein realer babylonischer Sprachturm, in dem unsere Reflexion, unser Bewußtsein, unser kommunikatives Interesse auf und abzusteigen vermag und über das Weiterwachsen dieses Turms ist noch nichts ausgemacht.

Warum sollten diese Sprachen nicht poetisch, prosaisch ausgenützt werden? - Warum sollten Sprachen, die nicht das Gefühl, wohl aber die Reflexion affizieren, nicht auch ästhetischer Zustände fähig sein? - Warum sollte man in ihnen nicht schreiben können? - Warum sollten die Fundamente der Poesie, der Literatur nicht linguistisch tiefer gelegt werden können? - Und man weiß es doch mindestens seit Pascal, Descartes und Leibniz: je tiefer die Rationalität, desto feiner die Sensibilität.

Das "Erlebnis" erscheint hier nicht mehr als die ausschließliche Grundlage der "Dichtung" - vielleicht war es das nie oder nur im Horizont der Literaturwissenschaft suggeriert - es ist vielmehr die gedankliche, die reflektierte "Entscheidung" für oder gegen etwas, das disparate und disjunktive Verhalten der Intelligenz, das Urteil, die Verurteilung und die Verteidigung, die hier Rechts von Links, Reaktion und Avantgarde trennt und diese Literatur ebenso zur spekulativen wie zur artistischen Zivilisationsliteratur bestimmt.

Auch ist es klar, daß zwischen den extremen Fällen, zwischen Experiment und Engagement, alle Grade des Scheiterns und des Vergeblichen einkalkuliert werden müssen. Der Sinn für das Unvollkommene gehört ohnedies zur Realität des Schöpferischen und das Vollkommene wird dem Spleen der Theologen überlassen. Daß das Meisterwerk heute unmittelbar am Tinnef, am Kitsch entstehen kann und das Subtile ins Triviale eingebettet wird, gehört zur feineren Dialektik der artistischen Züge dieser Literatur. Dennoch ist nicht jeder Zynismus ein Triumph, nicht jedes blanke Wort schon ein konkretes Gedicht, nicht jeder Misthaufen ein Exil, nicht jeder Nadelstich ein Protest, nicht jede Scheiße en Luxe ohne Gestank. Das Naive und das Moderne bleiben in jedem Falle einander ausschließende Kategorien.

Im Ganzen, sie werden es bemerkt haben, also dem "Prinzip Forschung" stärker verhaftet als dem "Prinzip Hoffnung", dem Globalen stärker als dem Regionalen, dem Urbanistischen stärker als dem Idyllischen, dem Zynischen stärker als dem Melancholischen, der Variante stärker als dem Typischen und der Provokation stärker als der Saturierung - bleibt das schreibende Wesen ein einzelnes und ein denkendes Wesen - das zwar gesellschaftlich agiert, aber individuell entscheidet und mir scheint, daß genau dies in jedem Falle zur realen Signatur der Humanität dieser technischen Zivilisation gehört, die zweifellos nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.

[Einführung in die große Lesung "Moderne Literatur in Stuttgart", im Landesgewerbemuseum, Stuttgarter Buchwochen 21. November 1967]